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Reisen als das größte Glück der Seele: Interview mit Elke Heidenreich zu ihrem neuen Buch „Ihr glücklichen Augen“

Reisen ist Urlaub für die Seele. Doch welche Erlebnisse, welche Erfahrungen machen es so besonders? In ihrem neuen Buch „Ihr glücklichen Augen“ erzählt Elke Heidenreich von ihren zahlreichen Reiseabenteuern und weckt zugleich die unstillbare Neugier, die Welt entdecken zu wollen. Wir haben die Bestsellerautorin zum Interview getroffen und mit ihr über das Reisen selbst, seine Bedeutung und berührende Begegnungen gesprochen.

Ihr neues Buch heißt „Ihr glücklichen Augen“. Wie und warum haben Sie den Titel gewählt?

Mir ist erst mit dem Älterwerden bewusst geworden, wie viel ich in meinem Leben gereist bin. Vielleicht auch, weil ich nie längere Reisen gemacht habe. Ich war meistens nur vier bis fünf Tage unterwegs und habe vor allem Städte bereist. Als ich über den Titel nachgedacht habe, fiel mir das Lied des Türmers Lynkeus aus Goethes Faust Teil zwei ein. Er singt unter anderem: „Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen, es sei wie es wolle, es war doch so schön.“ Und da dachte ich, das trifft auch auf mich und meine Reiseerfahrungen zu. Ich möchte damit meine Dankbarkeit darüber ausdrücken, dass ich so vieles Wunderbares sehen durfte.

Im Buch schreiben Sie, dass Sie immer wieder losreisen „einfach so, ohne große Erwartungen. Ins Unbekannte. Und was kommt mir meist entgegen? Das Bekannte.“ Was meinen Sie konkret damit?

Bevor ich zu einem neuen Ort aufbreche, recherchiere ich nicht viel. Ich fahre meistens in Städte, weil ich dort gerne die Oper besuchen möchte. Und ich gehe spazieren. Dabei beobachte ich das, was man auf der ganzen Welt sieht: Menschen, die verliebt sind, Menschen, die unglücklich sind und Menschen, die in die Oper gehen und von der Musik angerührt werden. Damit will ich sagen, wir Menschen sind uns im Kern überall sehr ähnlich. Wir haben dieselben Interessen, Hoffnungen und Bedürfnisse. Egal, ob auf dem Zeltplatz oder in guten Hotels – man stellt fest, dass alles, was man antrifft, auch mit einem selbst zu tun hat. 

Gibt es eine Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Als ich in Moskau im Bolschoi-Theater in die Oper gegangen bin, hat sich damit für mich ein lebenslanger Traum erfüllt. Als der Vorhang aufging musste ich daher einfach weinen, denn ich war so glücklich, dort zu sein. Neben mir saß eine alte Frau mit ganz verarbeiteten Händen. Ich konnte kein Russisch, sie konnte kein Deutsch. Aber sie nahm in diesem Moment einfach meine Hand und hielt sie. Ich fand das so schön. 

Wie hat sich die Bedeutung des Reisens für Sie persönlich in Ihrem Leben verändert? 

Mit 20 Jahren wollte ich einfach die Welt kennenlernen. Da reist man mit anderer Neugierde und Erwartungen. Als ich das erste Mal in Paris war, saß ich den ganzen Tag vor einem Espresso und einem Croissant in einem Straßencafé, weil ich nicht viel Geld hatte. Ich las französische Gedichte und habe vor mich hin geschwärmt, aber ich hatte von nichts eine Ahnung. Mit 70 Jahren habe ich in Paris im feinsten Hotel gewohnt und war in beiden Opern. Das war ein anderer Ausgangspunkt. 

Inwiefern haben sich die Motive zu reisen nach Ihrer Einschätzung gesellschaftlich verändert?

Das sehen wir dieses Jahr an den Flughäfen deutlich – alles ist überfüllt. Wir sind wahnsinnig viele Menschen und alle wollen die Welt kennenlernen, was im Massentourismus resultiert. Den gab es so früher gar nicht. In den 50er-Jahren sind wir per Anhalter nach Spanien gefahren, nur mit einem Rucksack und einem Zelt auf dem Rücken. Damals waren die Verführungen, die Ansprüche und die Möglichkeiten kleiner. Es hat sich viel verändert. Das betrifft auch andere Lebensbereiche: Wir verbrauchen und verlangen heute zu viel. 

Welche Reise würden Sie als die bedeutsamste in Ihrem Leben beschreiben?

Das war meine Reise mit dem Fotografen Tom Krausz durch Schottland. Wir sind auf den Spuren von McBeth, dem bösesten Charakter Shakespeares, gewandert. Unser Ziel war es, herauszufinden, was das Böse ausmacht. Das Wetter in Schottland hat eine gewisse Dramatik. In einem Augenblick ist es wunderschön, dann wird der Himmel innerhalb von Sekunden schwarz. Es gibt dort gefährliche Moore und finstere Burgen und Schlösser. Die Landschaft, in der in vergangenen Zeiten schreckliche Kriege und Kämpfe stattgefunden haben, zieht insgesamt sehr in ihren Bann. Unterwegs haben wir begriffen: das Böse ist der Krieg. Das ständige Gemetzel macht Monster aus Menschen. Diese Erfahrungen haben mich sehr lange umgetrieben.

„Ihr glücklichen Augen“ erscheint zu einer Zeit, in der Reisen wieder vermehrt möglich ist. Haben die coronabedingten Einschränkungen in Bezug auf die Option zu reisen etwas mit Ihnen gemacht? 

Ich bin in den letzten zwei Jahren kaum gereist. Mit mir hat es gemacht, dass ich in dieser Zeit nachdenken konnte über das Reisen. Ich habe meine alten Reisen anhand von Tagebüchern rekapituliert und begonnen dieses Buch geschrieben. Damit habe ich mir praktisch die Zeit vertrieben.

Gibt es einen Ort, zu dem Sie immer wieder zurückkehren würden? 

Mein Zuhause. Mein kleines Haus mit meinem großen Garten in Köln in der Nähe vom Rhein. Wenn ich unterwegs unglücklich bin oder mich einsam fühle, dann ich denke daran, wie in meinem Garten die Blumen und Bäume blühen. Ich bin keim heimatloser Reisender. Auch wenn ich nicht da bin, bin ich mit meinem Zuhause verbunden und das ist ein wunderbares Gefühl. Deshalb traue ich mich beispielsweise auch 20 Stunden nach Shanghai zu fliegen. Ich reise sozusagen auf sicherem Grund. Weil ich weiß, dass mein Haus mit meinem Schreibtisch, meinen Büchern, meinem Klavier und meinen Bildern auf mich wartet. 

Wohin möchten Sie noch unbedingt reisen?

Ich möchte immer wieder zurück nach Venedig. Ich finde die Stadt umwerfend, sie bringt mich immer wieder zum Staunen. Jedes Mal mache ich eine Rundfahrt mit einem Vaporetto – den kleinen Wasserbussen. Ansonsten habe ich aktuell aber nicht das Gefühl, dass ich dringend irgendwo hinmüsste.